Nachtgedanken 76

Die Nacht bricht herein
Jede Zeit hat ihre Neurose

Tatsächlich sind wir heute nicht mehr wie zur Zeit von Freud mit einer sexuellen, sondern mit einer existentiellen Frustration konfrontiert. Und der typische Patient von heute leidet nicht mehr so sehr wie zur Zeit von Adler an einem Minderwertigkeitsgefühl, sondern an einem abgründigen Sinnlosigkeitsgefühl, das mit einem Leeregefühl vergesellschaftet ist (existentiellen Vakuum).

Comic0027_thumb

Es gibt auch auf psychologischen und nicht nur auf physikalischem Gebiet den Horror vacui, die Angst vor der Leere. Im Versuch, das existentielle Vakuum durch Motorenlärm und Geschwindigkeitsrausch zu übertönen, sehe ich die psychodynamische vis a tergo der so rapide zunehmenden Motorisierung. Ich halte das beschleunigte Tempo des Lebens von heute für einen wenn auch vergeblichen Selbstheilungsversuch der existentiellen Frustration; denn je weniger der Mensch um ein Lebensziel weiß – nur desto mehr beschleunigt er auf seinem Lebensweg das Tempo. [42, 43, 44, 45]

Die existentielle Frustration:
Es gibt also nicht nur die sexuelle Frustration, die Frustration des Sexualtriebs oder allgemeiner des Willens zur Lust, sondern eben auch eine existentielle Frustration, wie sie in der Logotherapie  genannt wird, will heißen das Gefühl der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz. Dieses Sinnlosigkeitsgefühl läuft heute dem Minderwertigkeitsgefühl den Rang ab, was die Ätiologie neurotischer Erkrankungen anlangt. Der Mensch von heute leidet nicht so sehr am Gefühl, daß er weniger Wert hat als irgendwer anderer, wie vielmehr unter dem Gefühl, daß sein Sein keinen Sinn hat. Eben diese existentielle Frustration ist mindestens so oft pathogen, das heißt mögliche Ursache seelischer Krankheiten.

Der existentiell frustrierte Mensch kennt nichts, womit er sein existentielles Vakuum, wie ich es nennen möchte, auffüllen könnte. Schopenhauer hat gemeint, die Menschheit pendle zwischen Not und Langeweile.

Was bin ich?

Was bin ich?

Literaturhinweis:

42
pcpFrankl, Viktor E.
pcp[2]Das Leiden am sinnlosen Leben
pcp[4]Herder Verl. Freiburg 6. Aufl. 1981
pcp[8]43
pcp[12]Frankl, Viktor E.
pcp[14]Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn
pcp[16]Piper Verl. München
pcp[18]16. Aufl. 2003
pcp[20]44
pcp[24]Frankl, Victor E.
pcp[26]Logotherapie und Existenzanalyse
pcp[28]Piper Verl. München 1987
pcp[32]

Dieser Beitrag wurde unter Lebensphilosophie, Nachtgedanken, Oskar Unke, Oskars Notizkladde, Psychologie, Reflexionen, Sinn + Wesentlichkeit, Tiefenpsychologie, Verhalten, Zeitempfinden veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.